

Wenn ein Unternehmen sich entscheidet, KI strukturiert in den Arbeitsalltag zu integrieren, taucht früher oder später ein Konzept auf: das Champion-Programm. Eine Auswahl motivierter Mitarbeitender wird in einem mehrtägigen oder mehrwöchigen Programm geschult, soll danach das Wissen ins Unternehmen tragen, KI-Anwendungen vorantreiben und die Mitarbeitenden mitnehmen. Die Logik ist überzeugend. Die Realität in vielen Unternehmen ist es nicht.
Champion-Programme scheitern häufig. Nicht weil die Idee falsch wäre. Sondern weil die Bedingungen, unter denen sie wirken, im Vorfeld zu wenig geprüft werden.
Wer eine solche Ausbildung beauftragt, sollte vor der Entscheidung vier Fragen klären. Sie sind unabhängig vom Anbieter, unabhängig vom Programmtitel ("Champion", "Enabler", "Multiplikator", "Power User") und gelten für jede strukturierte KI-Weiterbildung über mehrere Wochen oder Monate.
Frage 1: Ist das Mandat klar?
Welche Rolle übernehmen die Teilnehmenden nach der Ausbildung konkret? Wie viel Arbeitszeit haben sie für diese Rolle? Wer ist auf Führungsebene Sponsor? Was ist im ersten Quartal nach Abschluss explizit ihre Verantwortung — und wo dürfen sie Entscheidungen treffen?
Diese Frage klingt selbstverständlich. In der Praxis ist sie es selten. Ich beobachte immer wieder Unternehmen, in denen Champions ausgebildet werden, ohne dass im Vorfeld geklärt ist, was sie nach der Ausbildung eigentlich tun sollen — neben ihrem regulären Job. Das Mandat bleibt weich, die Energie verfliegt nach drei bis sechs Monaten. Diese Diagnose teilen viele Bildungsanbieter inzwischen, und sie ist richtig.
Frage 2: Wie wird ausgewählt?
Werden Teilnehmende nach Begeisterung ausgewählt, oder nach klaren Kriterien — Vorerfahrung, Rolle im Unternehmen, Schnittstellen, Veränderungsbereitschaft? Wer entscheidet das? Und: Gibt es einen schriftlichen Commitment-Prozess zwischen Teilnehmenden, Führungskraft und Programmanbieter, der Erwartungen, Zeitbudget und Verantwortlichkeiten festhält?
Programme, die ohne diese Klärung starten, beginnen mit motivierten Menschen und enden häufig mit überlasteten Menschen. Auswahl ist nicht Sortierung — sie ist die Festlegung, wer welche Rolle einnimmt.
Frage 3: Wie geht das Programm mit Heterogenität um?
Das wird selten gefragt. Sollte aber gefragt werden. Jede Kohorte von Teilnehmenden ist heterogener, als ein Programmplan vermuten lässt. Eine Designerin sitzt neben einer Power-Userin mit jahrelanger Tool-Erfahrung. Eine Geschäftsführerin sitzt neben einer Werkstudentin. Eine KI-Skeptikerin sitzt neben einer Enthusiastin. Diese Spannbreite ist nicht der Ausnahmefall — sie ist die Regel.
Wie reagiert das Programm darauf? Gibt es Differenzierung nach Vorkenntnis? Können Teilnehmende parallel an unterschiedlichen Use Cases arbeiten? Wird die Kohorte vor Beginn diagnostiziert — und das Curriculum entsprechend feinjustiert?
Programme, die ein einheitliches Tempo voraussetzen, scheitern bei dieser Spannbreite. Programme, die mit ihr rechnen, tragen auch unter wechselnden Bedingungen.
Frage 4: Wo sind die Korrekturzyklen?
Das ist die wichtigste der vier Fragen — und gleichzeitig die, die am seltensten gestellt wird. Wie wird im Programm sichtbar, was nicht funktioniert? Wie wird das Curriculum korrigiert, wenn die Realität der Kohorte vom Plan abweicht? Wer hat die Verantwortung dafür, regelmäßig und systematisch nachzujustieren? Und: Wird diese Korrektur vor den Teilnehmenden offen kommuniziert oder im Hintergrund nachgezogen?
Korrekturzyklen sind das, was den Unterschied zwischen einem dreitägigen Intensivworkshop und einer mehrmonatigen Ausbildung wirklich ausmacht. Nicht die Inhaltsmenge. Nicht die Anzahl der Stunden. Sondern die Möglichkeit, das Konzept gegen die echte Kohorte zu prüfen — über mehrere Wochen — und es daran anzupassen.
Drei Tage Intensivtraining lassen keine Korrekturzyklen zu. Was sich in drei Tagen verkünden lässt, ist eine Idee. Was es braucht, ist die Zeit, sie an realen Menschen zu prüfen.
Was diese vier Fragen in ihrer Summe bedeuten.
Jedes Unternehmen ist anders. Was bei einem mittelständischen Maschinenbauer funktioniert, scheitert in einer Werbeagentur. Was im DAX-Konzern greift, ist bei der 80-Personen-Beratung overkill. Ein gutes Programm liegt nicht in der Größe oder Bekanntheit des Anbieters, sondern in der Bereitschaft, sich auf die spezifische Konstellation des Unternehmens einzulassen — und nachzujustieren, wenn die Realität anders aussieht als der Plan.
Wir haben das in unseren eigenen Kohorten erlebt. In der ersten Iteration saßen Menschen mit sehr unterschiedlichen Vorkenntnissen in derselben Session. Das Programm, wie wir es geplant hatten, trug nicht — jedenfalls nicht in der Form. Wir mussten in den ersten Wochen nachjustieren. Was wir daraus mitgenommen haben, ist die Methode, die ich heute jedem Unternehmen empfehle, das vor einer Champion-Investition steht: Lasst euch nicht von der Eleganz eines Konzepts blenden. Fragt, wie es mit Heterogenität umgeht. Fragt nach den Korrekturmechanismen. Fragt, wer in der Verantwortung steht, wenn etwas nicht funktioniert.
Diese Logik gilt nicht nur für Champion-Ausbildungen. Sie gilt für jede strukturierte Veränderung in einem Unternehmen. KI-Rollouts, Tool-Migrationen, Change-Programme. Ein gutes Konzept ist nicht das, was am besten geplant ist. Es ist das, was am besten umgebaut werden kann, während es läuft.


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