
Member Content
In den letzten sechs Monaten hat sich KI stärker verändert als in den zwei Jahren davor. So stark, dass einer der angesehensten Informatiker der Welt — der KI immer skeptisch gegenüberstand — öffentlich geschrieben hat, er müsse seine Meinung revidieren. Aber die meisten Unternehmen und Führungskräfte arbeiten noch mit den Annahmen aus der Vergangenheit. Dass KI nur ein besseres Autocomplete ist. Dass KI-generierter Code unsicher ist. Dass man KI ja ausprobiert hat und es ganz nett war, aber noch nicht auf dem Niveau von Mitarbeitern.
Keine dieser Annahmen stimmt noch. Dieser Beitrag zeigt warum — und was wir jetzt wissen müssen.
Wir schauen uns an warum die Jahre 2023 bis 2025 voller halber Versprechen waren, was Ende 2025 den Bruch ausgelöst hat, welche konkreten Durchbrüche Anfang 2026 alles verändert haben. Von mathematischen Beweisen bis zu Security-Analysen die menschliche Experten übertreffen.
Und wir klären, warum der gefährlichste Satz den man als Führungskraft gerade sagen kann dieser ist: "KI kennen wir. Haben wir probiert. Ist ganz nett."
Im März 2026 veröffentlichte Donald Knuth ein Paper mit dem Titel " Claude's Cycles ". Knuth ist der Mann der seit den Sechzigern das Standardwerk der Informatik schreibt. Er versteht tiefer was Computer können und was nicht als fast jeder andere lebende Mensch — und war immer skeptisch gegenüber generativer KI.
Knuth hatte Claude ein offenes mathematisches Problem gegeben. Eines an dem er selbst Wochen gearbeitet hatte. Claude löste es in etwa einer Stunde. Nicht durch rohe Rechenleistung, sondern indem es selbstständig eine mathematische Struktur erkannte die zum Lösungsweg führte. Ohne dass jemand diesen Weg beschrieben hätte.
Claude konnte lösen aber nicht beweisen. Den formalen Beweis schrieb Knuth selbst. Das Paper schloss mit einem Satz "It seems I'll have to revise my opinions about generative AI one of these days."
Wenn Donald Knuth seine Meinung über KI revidiert, sollten wir vielleicht auch mal schauen ob unsere noch stimmt.
2023 kam ChatGPT und alle drehten durch. Die einen vor Begeisterung, die anderen vor Angst. Beides war übertrieben, weil das Produkt noch nicht gut genug war. Es war beeindruckend als Demo. Für echte Arbeit war es unbrauchbar.
2024 wurde Chat besser. Reasoning, GPT-4.1, Multimodalität. Die Chatbots lernten denken, sehen, hören. Unternehmen starteten Pilotprojekte, rollten ChatGPT Enterprise oder ähnliche Plattformen aus. Viele wurden halb beeindruckt, halb enttäuscht. Die Tools halfen, aber sie veränderten nicht fundamental wie gearbeitet wurde.
2025 wurde Coding besser. Claude Code, Codex, Cursor — plötzlich konnte KI nicht nur Textzeilen vorschlagen, sondern ganze Features bauen. Aber auch da: Wer sagte "Das ist nur ein besseres Autocomplete" lag nicht komplett falsch. Für die meisten Anwendungsfälle war es genau das.
Und dann passierte Ende 2025, Anfang 2026 etwas das die meisten nicht mitbekommen haben. Nicht weil es geheim war. Sondern weil es so schnell ging.
Ende 2025 bekam Claude Skills — die Fähigkeit, spezialisiertes Domänenwissen zu laden und kontextabhängig anzuwenden. Kein statisches Modell mehr das auf alles die gleiche Antwort gibt, sondern ein System das sich für jede Aufgabe das richtige Wissen holt.
Anfang 2026 kam OpenClaw — ein offenes Agenten-Framework das zeigte wohin die Reise geht: KI-Systeme die nicht nur antworten, sondern eigenständig Aufgaben planen und ausführe - und an alle Systeme angeschlossen werden können.
Um zu verstehen was dieser Shift konkret bedeutet, hilft ein Blick auf den Security-Bereich. Jahrelang war das Argument: KI-generierter Code ist unsicher. Auch das hat sich anfang 2026 hat gedreht.
Claude Code Security fand über 500 Sicherheitslücken in produktivem Code die menschliche Experten jahrzehntelang übersehen hatten. Nicht in irgendwelchem Code — in Projekten wie OpenSSH, die von den besten Security-Experten der Welt gepflegt werden. OpenAIs Codex scannte 1,2 Millionen Code-Änderungen in 30 Tagen und löste dabei 14 offizielle Sicherheitswarnungen aus.
Das ist kein Randphänomen. Das ist eine Umkehrung. Dieselbe Technologie der man vorwarf unsicheren Code zu produzieren, findet jetzt systematisch Fehler die Menschen nicht finden können. Nicht weil Menschen schlecht sind, sondern weil die Codebases zu groß, zu komplex und zu alt geworden sind für menschliche Aufmerksamkeitsspannen.
Knuth. Security. OpenClaw. Skills. Cowork. Opus. Das alles passierte innerhalb weniger Monate. Nicht über Jahre.
Und es ist nicht nur Security. Viele der Probleme über die wir noch diskutieren existieren in fortschrittlichen Systemen schlicht nicht mehr. Halluzinationen? Agents verifizieren sich gegenseitig. Kontextfenster zu klein? Subagents orchestrieren sich selbst, übergeben Aufgaben untereinander und managen ihren eigenen Kontext. Keine brauchbaren PowerPoints oder Word-Dokumente aus KI? Technologisch längst gelöst.
Ja, vieles davon ist heute noch den Tech-Enthusiasten und KI-Entwicklern vorbehalten die sich ihre eigenen Systeme bauen. In der Breite sind diese Features noch nicht in verlässlicher Form verfügbar. Aber das ist nur noch eine Frage von kürzester Zeit. Claude Cowork hat bereits gezeigt wie das aussieht wenn diese Fähigkeiten für Nicht-Techniker zugänglich werden.
Die Geschwindigkeit dieser Entwicklung ist so hoch, dass kaum noch jemand mitkommt. Die Technologie zieht an allen Messlatten vorbei während wir noch darüber diskutieren ob die letzte Messlatte wirklich überschritten wurde.
Ich verstehe warum Unternehmen langsamer reagieren. Und das ist auch richtig so. Wer Prozesse hat, Qualitätsstandards, Compliance-Anforderungen, der kann nicht bei jedem neuen Tool alles über den Haufen werfen. Unternehmen müssen ihre Abläufe schützen.
Aber genau das macht die aktuelle Situation so gefährlich. Denn während Unternehmen noch ihre Erfahrungen der vergangenen Jahre verarbeiten hat sich die Technologie fundamental verschoben.
Die KI die sie getestet haben existiert nicht mehr. Was jetzt da ist, spielt in einer anderen Liga.
Die Hype-Leute der letzten Jahre lagen falsch. Nicht weil KI schlecht ist, sondern weil sie Dinge versprochen haben die das Produkt noch nicht halten konnte. Sie haben Erwartungen erzeugt die zu Enttäuschung führten. Und diese Enttäuschung sitzt tief. Sie sitzt so tief, dass viele Unternehmer und Führungskräfte innerlich abgeschaltet haben. "KI kennen wir. Haben wir probiert. Ist ganz nett. Nicht transformativ."
Das ist der gefährlichste Satz den man gerade sagen kann.
KI ist von einem Tool mit dem man redet zu einem Worker den man managed geworden. Es ist der Unterschied zwischen "ich tippe eine Frage in ein Chatfenster" und "ich delegiere eine Aufgabe an ein System das sich selbst organisiert."
In Wharton hat Ethan Mollick gezeigt was passiert wenn man aktuelle KI wirklich einsetzt. Executive MBA Studenten bauten in vier Tagen funktionierende Prototypen für die normalerweise Monate nötig sind. Nicht weil sie technisch begabt waren. Sondern weil sie etwas konnten was sich als die eigentliche Superpower herausstellt: Arbeit definieren, delegieren und Ergebnisse beurteilen. Management. Ausgerechnet die Fähigkeit die jahrelang als "Soft Skill" belächelt wurde.
Die Frage ist nicht mehr ob KI ein besseres "Autocomplete" ist oder ein ganz nettes Tool um E-Mails und Blogs zu schreiben. Diese Frage ist beantwortet.
Die Frage ist nicht mehr ob KI halluziniert und Fehler macht. Auch diese Frage ist beantwortet. Nicht mit "nein", sondern mit "wir haben Systeme gebaut die damit umgehen können, genau wie wir mit menschlichen Fehlern umgehen: durch Prozesse, Reviews, Verifikation."
Die eigentliche Frage ist: Ist mein Wissen über KI noch auf dem neuesten Stand?
Wer in KI noch nutzt wie in 2025 und noch keine Agenten-Systeme gebaut hat oder Skills verwendet, befindet sich aktuell nicht am Zahn der Zeit.
Ich will mit diesem Beitrag keinen Hype oder FOMO (Fear of Missing Out) erzeugen. Davon gibt es genug. Was ich sagen will ist: Wir müssen unsere bestehenden Annahmen über die Leistungsfähigkeit von KI über Bord werfen.
Ich selbst werde aktuell täglich überrascht von dem, was alles schon möglich ist, und jedem in unserem Team geht es genauso.
Für Unternehmen bedeutet das: KI-Tools, Agenten und Workflows müssen jetzt wirklich eingeführt und gelebt werden. In der Breite, damit alle Mitarbeiter den Anschluss halten. Und in der Tiefe, damit KI-Champions die Möglichkeit bekommen sich maximal zu entwickeln.
Zu verstehen wie man gute Agenten managed , wie man Kontextmanagement für sein Unternehmen aufsetzt, wie man die richtigen Informationen zur richtigen Zeit zur Verfügung stellt. Das alles während das Kerngeschäft weiterläuft. Das ist die eigentliche Herausforderung.
Für jeden einzelnen von uns der in einem Wissensberuf arbeitet oder unternehmerische Entscheidungen trifft bedeutet es: Die innerliche Blockade überwinden. Das "das ist nicht gut genug" ist nicht mehr haltbar. Sich einlassen. Die Tiefe suchen. Nicht warten bis jemand einem sagt wie es geht, sondern anfangen es herauszufinden.
Die KI über die wir in den letzten Jahren geredet haben existiert nicht mehr. Was stattdessen da ist, ist so viel besser, dass Donald Knuth ein Paper darüber geschrieben hat.
Knuth hat angekündigt seine skeptische Meinung über KI zu revidieren. Es wird Zeit dass wir das auch tun.



0 Comments
Login or Register to Join the Conversation
Create an AccountLog in